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Putinismus
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Als Putinismus (russisch ĐŸŃƒŃ‚ĐžĐœĐžĐ·ĐŒ) bezeichnen verschiedene Autoren das politische System und die ideologische Untermauerung der Herrschaft von PrĂ€sident Wladimir Putin in Russland seit dem Jahr 2000. Alternative Bezeichnungen sind Putin-Regime, System Putin oder Moskauer Regime.

Der Putinismus war seit Beginn seines Auftretens bedeutenden innen-, außen- und wirtschaftspolitischen Entwicklungen unterworfen. Der anfĂ€ngliche klassische Putinismus (2000–2008) deckt die ersten zwei Amtszeiten Putins als PrĂ€sident ab und wies noch bestimmte Elemente liberaler Politik auf. Darauf folgte die ideologisch undefinierte Tandem-Phase (2008–2012), also die Doppelherrschaft Putins mit Dmitri Medwedew. Die anschließende und bis heute fortdauernde Phase wird als entwickelter Putinismus bezeichnet, die von autoritĂ€rem Konservatismus, Militarismus und imperialem Nationalismus geprĂ€gt ist.

SpĂ€testens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 wird der Putinismus von einigen Historikern und Politologen auch als faschistisch bezeichnet. Stimmen aus der vergleichenden Faschismusforschung lehnen eine derartige EinschĂ€tzung bisher ab, da das Putin-Regime zwar ultranationalistisch, im Gegensatz zum Faschismus jedoch reaktionĂ€r und nicht revolutionĂ€r ausgerichtet sei und vergleichen Putins Russland stattdessen mit imperialistischen Autokratien wie dem Russischen Kaiserreich unter Nikolaus I. oder dem Japanischen Kaiserreich wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs. Im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine seit 2022 prĂ€gten russische Dissidenten das Kofferwort Raschismus.

Contents

‱ Phasen
‱ Merkmale
‱ Innenpolitik
‱ Russki Mir
‱ Surkow
‱ Siehe auch
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Aufkommen des Begriffs

Als der russische PrĂ€sident Boris Jelzin am 31. Dezember 1999 zurĂŒcktrat, ĂŒbernahm der damalige MinisterprĂ€sident Putin, den Jelzin zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, dessen AmtsgeschĂ€fte zunĂ€chst kommissarisch. Der Begriff Putinismus wurde kurz danach geprĂ€gt. Als erstercite-ref-1[1] verwendete ihn der russische Mathematiker und Publizist Andrei Piontkowski, der spĂ€ter mehrere BĂŒcher ĂŒber Putin geschrieben hat. Am 11. Januar 2000 erschien in der Sowetskaja Rossija ein Artikel von Piontkowski, der am selben Tag auch auf der Website der Partei Jabloko zu lesen war. In der Überschrift dieses Artikels definierte Piontkowski den von ihm so genannten Putinismus als „das höchste und letzte Stadium des RĂ€uber-Kapitalismus in Russland“. Er erklĂ€rte, dies sei das Stadium, in dem das BĂŒrgertum „die Flagge der demokratischen Freiheiten ĂŒber Bord wirft“. Weitere Merkmale des Putinismus seien die „Konsolidierung“ der Nation durch Hass gegen ethnische Minderheiten, die BekĂ€mpfung der Redefreiheit, „GehirnwĂ€sche“, die Selbstisolation von der Außenwelt und weiterer wirtschaftlicher Niedergang. Im selben Artikel verglich Piontkowski Jelzin mit Hindenburg, der Hitler zur Machtergreifung verholfen hatte.cite-ref-2[2]

Der französische Philosoph Michel Eltchaninoff bezeichnet die ideologische Untermauerung des russischen Putin-Regimes in seinem 2015 erschienenen Buch Dans la tĂȘte de Putin (2016 und 2022 auf Deutsch unter dem Titel In Putins Kopf) ebenfalls als Putinismus.cite-ref-3[3]

Phasen

Der Osteuropaexperte Richard Sakwa unterschied 2013 im als Putinismus bezeichneten politischen System Russlands vier Phasen, wobei er fĂŒr die ersten beiden Phasen zwischen den Jahren 2000 und 2008 die Bezeichnung klassischer Putinismus verwendet. In dieser Zeit sei die historische Entwicklung des Regimes noch offen gewesen. Als dritte Phase des Putinismus nennt Sakwa die „Tandem-Regierung“, also die Doppelherrschaft wĂ€hrend der PrĂ€sidentschaft Dmitri Medwedews mit Putin als MinisterprĂ€sidenten von 2008 bis 2012. FĂŒr die bisher letzte Phase seit 2012 verwendet Sakwa den Begriff „entwickelter Putinismus“. Sakwa betont die KontinuitĂ€t der Entwicklung, die schon mit Boris Jelzin 1991 begann und von Anfang an bei der Steuerung der politischen Prozesse bestimmte autoritĂ€re Elemente aufwies. „Beide (Jelzin und Putin) haben versucht, die konkurrierenden AnsprĂŒche zu steuern, nĂ€mlich den Drang nach politischer Partizipation und sozialer Sicherung einerseits, und die Fragmentierung des postsowjetischen Eurasiens sowie die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen auf internationaler Ebene andererseits.“ Wahlen stellten seit 1991 „einen sekundĂ€ren Vorgang zur Legitimierung des Status quo dar“.cite-ref-4[4]

In seiner entwickelten Form wies der Putinismus nach Sakwa „neue Methoden des politischen Managements“ auf: die Strategie selektiven Zwangs gegen FĂŒhrungspersönlichkeiten der Opposition wie Alexei Nawalny, die Strategie der BeschrĂ€nkung etwa des Demonstrationsrechts und des Aktienbesitzes im Ausland. In der Strategie der Kooptation sei die Allrussische Volksfront wichtigster „Kooptierungsmechanismus“. In der Strategie des Überzeugens seien ideologische Initiativen unternommen worden, „unter anderem durch eine betont antiwestliche Haltung, eine engere Verbindung zur orthodoxen Kirche und das Eintreten fĂŒr konservative kulturelle und Familienwerte“. Sakwa diagnostiziert, diese Phase sei von Stagnation, UnterdrĂŒckung des Pluralismus und Korruption gekennzeichnet. Alternative sei ein „Putinismus ohne Putin“ als fĂŒnfte Phase durch anhaltenden „Druck demokratischer Bewegungen, begleitet von einer Wiederbelebung des Verfassungsstaates“ oder „Revolution und Kollaps“.cite-ref-5[5] Zu Beginn glaubten Liberale an Fortschritt durch Putin. Über die Jahre wurden die konservativen Bevölkerungsschichten im peri-urbanen und lĂ€ndlichen Raum zu seinen UnterstĂŒtzern.cite-ref-baines-et-al-2019-6-0[6]

Auch Michel Eltchaninoff (2022) macht im Putinismus verschiedene Phasen aus. So hĂ€tten Putins Ansichten ab 2013 eine „konservative Wende“ genommen, und seit 2014 sei Putin „zum Imperialisten“ geworden.cite-ref-7[7]

Merkmale

Charakterisierungen

Samuel P. Huntington sah 2002 Putins VerhĂ€ltnis zum Westen als wesentliches Merkmal des Putinismus. WĂ€hrend Jelzin sich mit dem Westen ideologisch und kulturell identifiziert habe, sei Putin bloß ein Pragmatiker: „Wenn es ihm passt, kooperiert er mit den USA, mit dem Westen“; er könne aber auch genau das Gegenteil tun.cite-ref-8[8]

Der deutsche Politikwissenschaftler Manfred Sapper beschrieb in einem RĂŒckblick auf das Jahr 2012 den Putinismus anhand von vier Unterschieden zur realsozialistischen Diktatur in der Sowjetunion: An die Stelle der KPdSU sei „eine Vielzahl von Klans, Seilschaften und Netzwerken“ getreten, „die ihre materiellen Interessen befriedigen, indem sie ökonomisch relevante Ressourcen wie die exportfĂ€higen Rohstoffbranchen kontrollieren“ und sich aus den Erlösen bereichern. Es gebe keine messianische Ideologie mehr. Zwar werde keine „Massengewalt“ angewendet, aber WillkĂŒr und Repression seien an der Tagesordnung. Und: Die Grenzen seien offen – man könne das „System Putin“ verlassen.cite-ref-9[9]

FĂŒr Markus Wehner beruht der Machterhalt der „modernen Diktatur“ in Russland vor allem auf Propaganda (und nicht wie frĂŒher auf Gewalt).cite-ref-10[10] Die Propaganda der Russischen Föderation setzt auf Nationalismus und die traditionellen Symbole MilitĂ€r und orthodoxes Christentum und brandmarkt die urbanen, jungen Liberalen als fĂŒnfte Kolonne des feindlichen Auslands.cite-ref-baines-et-al-2019-6-1[6]

Marcel H. Van Herpen, Direktor der Cicero Foundationcite-ref-11[11], beschrieb im Jahr 2013 Übereinstimmungen des Putinismus mit Merkmalen des Bonapartismus, des italienischen Faschismus und des Berlusconismus.cite-ref-12[12] Mit dem Regierungssystem Napoleons III. sah er insofern Gemeinsamkeiten, als auch der Bonapartismus durch einen allgegenwĂ€rtigen Geheimdienst, Zensur der Medien, ein formelles Mehrparteiensystem mit schwacher Stellung des Parlaments und ein Streben nach VergrĂ¶ĂŸerung des Territoriums sowie militĂ€rische Abenteuer gekennzeichnet gewesen sei. Im Putinismus sei jedoch die physische Repression durch Steuerung der öffentlichen Meinung ĂŒber die Medien und Wahlmanipulationen ersetzt worden.cite-ref-13[13]

Wjatscheslaw Wolodin von der Partei Einiges Russland sagte im Oktober 2014 zuspitzend: „Wenn es Putin gibt, dann gibt es Russland. Wenn es Putin nicht gibt, gibt es auch Russland nicht.“cite-ref-14[14]

Alan Posener von der Welt schrieb im Zusammenhang mit der Diskriminierung von Minderheiten in Russland: „Der Putinismus lebt davon, außen- und innenpolitische Feinde zu schaffen und sie propagandawirksam niederzuringen.“cite-ref-15[15]

Walter Laqueur prognostizierte schon frĂŒh nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dass in Russland keine (westliche) Demokratie entstehen wĂŒrde.cite-ref-sendung-16-0[16] Er wunderte sich nur ĂŒber die Geschwindigkeit des Wandels des politischen Systems und seiner Ideologie, „vom Kommunismus zum Staatskapitalismus, vom Internationalismus zum Nationalismus und dieser getragen von einem bedeutenden Einfluss der orthodoxen Kirche“. Russland sei 2015 wieder eine Diktatur, „autoritĂ€r, aber nicht faschistisch“.cite-ref-17[17] Allerdings verfĂŒge dieses autoritĂ€re System mit seiner Ideologie ĂŒber ein Sendungsbewusstsein, „eine BemĂŒhung, Russlands Sendung weiter zu fĂŒhren“, wobei diese Sendung fĂŒr Laqueur „abgesehen vom weitverbreiteten Glauben, dass der Westen dekadent sei“ noch schwammig blieb. Russland mĂŒsse aber gemĂ€ĂŸ Überzeugung seiner FĂŒhrung eine „moralische und kulturelle FĂŒhrungsrolle“ spielen, da der Westen seine Werte aufgegeben habe. Laqueur postulierte eine Überzeugung des Kremls, wonach die Daseinsberechtigung Russlands direkt von dieser FĂŒhrungsrolle abhinge.cite-ref-sendung-16-1[16]

Anne Applebaum diagnostizierte 2013, dass liberale und kapitalistische Elemente wie die Existenz von Börse und Banken unter Putin immer nur scheinbar und oberflĂ€chlich seien, an einem Rechtsstaat und echtem Unternehmertum habe Putin kein Interesse. Russland Ă€hnele keiner Marktökonomie, sondern sei ein feudaler Rohstoffstaat analog Saudi-Arabien. Die feudale MachtausĂŒbung werde nicht durch westliche Sicherheitspolitik oder gar militĂ€rische Angriffe bedroht, sondern durch die Rhetorik westlicher Demokratie, die Autokratien weltweit durch ihre AttraktivitĂ€t fĂŒr die Bevölkerungen bedrohe. Putins Auffassungen Ă€hnelten denen des langjĂ€hrigen KGB-Chefs Juri Andropow, der als technokratischer Modernisierer dennoch gerade in demokratischen Diskussionen eine herrschaftsgefĂ€hrdende Gefahr insbesondere fĂŒr die Tschekisten des KGB gesehen hatte. Dass demokratische Dissidenten vom Westen gesteuert wĂŒrden, sei durchaus die tatsĂ€chliche Meinung Putins. Er habe im Gegenzug weltweiten RĂŒckhalt in autoritĂ€ren Systemen aufgebaut, deren Existenz er sichern wolle und denen sein Modell attraktiv erscheine, er versuche ferner erfolgreich, die fĂŒr sein Russland charakteristische Korruption zwecks Einflussgewinnung auf den Westen auszudehnen. Propagandistische Mobilisierung gegen den Westen diene der Immunisierung der eigenen Bevölkerung gegen demokratische Bestrebungen.cite-ref-18[18]

Der exilierte Oligarch Michail Chodorkowski, einer der grĂ¶ĂŸten Kritiker Putins, bezeichnete im MĂ€rz 2017 das unter Putin etablierte Herrschaftssystem als „feudalistisch-kriminell“.cite-ref-19[19] Im Buch Der Weg in die Unfreiheit (2018) bezeichnet Timothy Snyder eine großrussisch-eurasische Ideologie als Kern des heutigen Putinismus, den er zugleich als „Schizofaschismus“ charakterisiert.cite-ref-20[20]

Der ehemalige PrĂ€sidentenberater Wladislaw Leonidowitsch Inosemzew erkannte schon 2018 kein Ziel in Putins Politik, außer dass er in einem Land, das nicht einmal den Schein einer Demokratie wahre, Diktator werden wolle.cite-ref-21[21] Russland sei 2021 „keine moderne europĂ€ische Gesellschaft: Es ist ein ehemaliges Imperium, das nie ein Nationalstaat war“. Es sei auch keine demokratische Republik, sondern ein Handelsstaat, der den Herrschern gehöre, Putin habe mit loyalen Silowiki Russland im Handstreich ĂŒbernommen. Putin sei auch „kein Politiker oder gar MilitĂ€r [], sondern ein Spion, der weniger an Institutionen und Hierarchien, sondern mehr an LoyalitĂ€t und Netzwerke“ glaube: Aufgrund seiner eigenen Handhabe glaube Putin, „dass die Welt von Menschen regiert wird und nicht von Institutionen“.cite-ref-22[22] Im FrĂŒhjahr 2022 erklĂ€rte Inosemzew, Russland erfĂŒlle nun „mustergĂŒltig den Katalog dessen, was Faschismus ausmacht“.cite-ref-23[23] Stefan Meister nannte das Regime um Putin „zunehmend faschistisch“ und ging davon aus, dass Angst die russische Gesellschaft vermehrt prĂ€gen werde.cite-ref-24[24]

Auch der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch bezeichnete Russland 2022 als eine „faschistische Diktatur ... mit allen Attributen einer solchen: staatlichem Nationalismus, fehlender Opposition, militĂ€rischer Indoktrinierung der Jugend schon im frĂŒhesten Alter, Arbeitslagern und Mord an politischen Gegnern“.cite-ref-25[25] Der russische Schriftsteller Dmitri Lwowitsch Bykow hatte Ende 2019 erklĂ€rt: „...dass die Gesellschaft noch nicht in den rasendsten Faschismus abgeglitten ist, erklĂ€rt sich nur aus ihrer gesellschaftlichen Faulheit.“cite-ref-26[26]

Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel sieht den Putinismus als „eine Gewaltordnung nach dem Ende des Kontinentalimperiums und eines staatssozialistischen Systems“. Korruption und Kleptokratie seien im System angelegt. Der PrĂ€sident stehe an der Spitze eines Polizeistaats mit pseudodemokratischen Strukturen. Schlögel spricht von einer sowjetisch-stalinistischen DNA der heutigen russischen Gewaltherrschaft – mit gezielter Tötung von Oppositionellen, wiederum alltĂ€glicher Gewalt in GefĂ€ngnissen und Lagern, Verschwörungsmythen und willkĂŒrlicher Mobilisierung fĂŒr den Krieg. Schlögel betont auch die kulturelle Dimension und Hegemonie des Putinismus: „die Mixtur aus Putins orthodoxer Pseudo-Frömmigkeit, die Verleihung von Orden fĂŒr die Verantwortlichen von Massakern wie in Butscha, den Terror, die allabendlichen Hetzsendungen im russischen Fernsehen mit einem unvorstellbaren Vokabular und schamlosen LĂŒgen.“cite-ref-27[27]

Innenpolitik

Das Konzept manifestierte sich durch einen Gesellschaftsvertrag, bei welchem mittels gelenkter Demokratie vor allem die StabilitĂ€t von Staat und Gesellschaft erreicht werden sollte, dies bei einem Vorrang der öffentlichen Ordnung vor individuellen Freiheiten und damit einher gehenden EinschrĂ€nkungen bei der Verwirklichung der Menschenrechte in Russland. Stillschweigend nahmen die Russen die Finanzierung von Sozial- und RĂŒstungsausgaben durch die verstaatlichte Rohstoffausbeutung hin.cite-ref-28[28] Respektlosigkeit gegenĂŒber Behörden wurde auch im Internet strafbar.cite-ref-29[29]

Der Entwurf eines PrĂ€sidialdekrets zur Kultur und gegen die Bedrohungen durch einen angeblichen „Kult der Selbstsucht, FreizĂŒgigkeit und Unmoral“ wurde im Februar 2022 vorerst gestoppt.cite-ref-30[30] Das Dekret sollte „traditionelle spirituelle und moralische Werte“ (Patriotismus, Dienst am Vaterland und Verantwortung fĂŒr sein Schicksal, hohe moralische Ideale, eine starke Familie, die PrioritĂ€t des Spirituellen vor dem Materiellen, das historische GedĂ€chtnis, die Einheit der Völker Russlands) festlegen. Kritisch betrachtet ziele das Projekt darauf ab, die Institution der ideologischen Politoffiziere und der offiziellen staatlichen Zensur wiederherzustellen.cite-ref-31[31] Kulturschaffende monierten, daraus folge, dass alles Kreative, das nicht mit der Bewahrung traditioneller Werte zusammenhĂ€nge, unnötig und damit implizit verboten sei.cite-ref-32[32]

Außenpolitik

Nach Ansicht von Ulrich Menzel steht eine revisionistische Politik der Errichtung einer EinflusssphÀre im postsowjetischen Raum im Zentrum des Putinismus. Dazu nutze Putin sowohl politische Mittel (z. B. Konfrontation in der UNO) als auch wirtschaftliche (z. B. Energierohstoffexporte) und militÀrische Methoden (z. B. Krieg in der Ukraine seit 2014).cite-ref-33[33]

Putins Regime kritisiert die Rolle westlicher LĂ€nder und BĂŒndnisse und interpretiert die NATO-Osterweiterung als Bedrohung der Sicherheit Russlands. Nach der Intervention im Kaukasuskrieg 2008 mit Georgien erfolgte 2014 die Annexion der Krim, eines Gebietes des heute unabhĂ€ngigen Staates Ukraine. Dabei werde, wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kommentierte, „das Recht des StĂ€rkeren“ gegen die „StĂ€rke des Rechts“ gestellt.cite-ref-34[34]

Als Putin-Doktrin lÀsst sich die strategische Absicht erkennen, die seit 1990 entstandene Sicherheitsstruktur Europas grundlegend zu verÀndern.
Am 24. Februar 2022 begannen russische StreitkrÀfte auf Befehl von Putin einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine. Der dem Kreml nahestehende Politikwissenschaftler Sergej Karaganow schrieb am gleichen Tag, mittels konstruktiver Zerstörung solle die bisherige Sicherheitsarchitektur aufgehoben werden. Die Ende 2021 im Rahmen der Ukrainekrise erfolgte ultimative Aufforderung an die NATO, den Aufbau militÀrischer Strukturen nahe Russland generell zu unterlassen und auf jede Erweiterung im Osten zu verzichten, sei der Beginn dieser konstruktiven Zerstörung der seit 1990 bestehenden Ordnung in Europa; diese solle durch eine andere Art von Beziehungen mit dem Westen ersetzt werden. Die Charta von Paris und die NATO-Russland-Grundakte seien aus russischer SchwÀche geborene Fehler gewesen.cite-ref-35[35]

Die Außenpolitikexpertin Angela Stent schrieb einen Monat vor dem Beginn des Angriffskrieges, Putin habe das Ziel, fĂŒr Russland einen Status Ă€hnlich der ehemaligen Sowjetunion zu erreichen. Putin verlange mindestens eine eigene privilegierte EinflusssphĂ€re in der post-sowjetischen Nachbarschaft, wo den politischen WĂŒnschen Russlands Gehorsam geschuldet wĂŒrde. Putin fordere auch, dass Russland an allen wichtigen internationalen Entscheidungen beteiligt sein mĂŒsse. Nur wenigen Staaten wie Indien, VR China, Russland und den USA komme diese volle SouverĂ€nitĂ€t zu. Putin betrachte die Auflösung der Sowjetunion als Katastrophe, deren Auswirkungen rĂŒckgĂ€ngig gemacht oder abgemildert werden mĂŒssten, insbesondere, dass Millionen ethnischer Russen außerhalb der Russischen Föderation lebten. Die NATO mĂŒsse sich auf den Stand vor der ersten NATO-Osterweiterung (im MĂ€rz 1999 traten Polen, Tschechien und Ungarn bei) zurĂŒckziehen; LĂ€nder wie Schweden und Finnland, die nach Putins völkerrechtswidrigem Überfall auf die Ukraine der NATO beigetreten waren, mĂŒssten weiterhin neutral bleiben. Generell suche Putin Zusammenarbeit mit Autokratien und die Unterminierung von Demokratien. Endziel sei das revisionistische Aufbrechen der transatlantischen Partnerschaft der USA mit Europa und eine neue Weltordnung, die den Prinzipien des Konzerts der MĂ€chte im 19. Jahrhundert entsprĂ€che und die von den USA geschaffene liberale Ordnung ersetze. Die Annahme amerikanischer SchwĂ€che und die russische militĂ€rische AufrĂŒstung der letzten Jahre erhöhten das Risiko eines aggressiven Vorgehens Putins. Im Zentrum von Putins Aufmerksamkeit stehe die Ukraine.cite-ref-36[36]

Margareta Mommsen schrieb Putin 2022 das Ziel zu, Russland, Belarus und die Ukraine und möglicherweise Teile von Kasachstan staatlich zu vereinigen. Die Demokratiebewegung in der Ukraine und ihre Hinwendung zum Westen in der Maidan-Revolution nehme er als Bedrohung wahr, da eine sich demokratisierende Ukraine ein „Gegenmodell zum Putinismus“ sei. Putin selbst habe fĂŒr Russland diesbezĂŒglich „von einer Gefahr der Ukrainisazija gesprochen“.cite-ref-37[37]

Russki Mir

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Hauptartikel

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Russki Mir

Historische Entwicklung

Die Idee des Russki Mir hat ihre Wurzeln bereits im 19. Jahrhundert, ursprĂŒnglich als poetische Metapher. Der Schriftsteller und Historiker Nikolai Michailowitsch Karamsin (1766–1826) rechtfertigte 1818 in seinem Hauptwerk Geschichte des russischen Staates (Đ˜ŃŃ‚ĐŸŃ€ĐžŃ ĐłĐŸŃŃƒĐŽĐ°Ń€ŃŃ‚ĐČа Đ ĐŸŃŃĐžĐčсĐșĐŸĐłĐŸ) die Selbstherrschaft des Zaren (russisch: cĐ°ĐŒĐŸĐŽĐ”Ń€Đ¶Đ°ĐČОД; samoderschawie) als Ausdruck des russischen Volksgeistes, der als einigendes Kollektivsymbol einfaches Volk und Adel verbinden sollte, ebenso wie die Liebe zur russisch-orthodoxen Religion. Ganz im Geiste Karamsins prĂ€gte der Politiker und Wissenschaftler Sergei Semjonowitsch Uwarow 1833 die Losung Orthodoxie, Autokratie, NationalitĂ€t als Gegensatz zur Losung Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit der Französischen Revolution. Puschkins Freund, der Schriftsteller Pjotr Andrejewitsch Wjasemski nannte 1848 in seinem Gedicht Die heilige Rus die Symbole, die Russland vor dem verderblichen europĂ€ischen Einfluss bewahren sollten: Orthodoxer Glaube, Liebe zum Zaren, die russische Geschichte und schließlich die russische Sprache, welche er zum Medium erklĂ€rte, durch das der russische Mensch mit Gott kommuniziere. Am 14. MĂ€rz 1848 hatte ein Zarenmanifest Über die Vorkommnisse im westlichen Europa die zentralen rhetorischen Argumente vorgegeben: Die Religion sei als VermĂ€chtnis der Vorfahren zu bewahren und, da Russlands Feinde ĂŒberall seien, mĂŒsse die Verteidigung Russlands ĂŒberall und nicht nur an seinen Grenzen erfolgen. Auch Dostojewskij sah die Mission Russlands darin, „mit den russischen Worten der Wahrheit die tragischen MissverstĂ€ndnisse der west-europĂ€ischen Zivilisation zu korrigieren“, wie er 1873 im Tagebuch eines Schriftstellers formulierte.cite-ref-analysen-38-0[38]

Solche Sakralisierung hatte mit der Oktoberrevolution zunĂ€chst ein Ende, doch entwickelte die Sowjetunion als TrĂ€ger der Revolutionsidee sowie auch als Weltmacht einen wahrlich globalen „Welt“-Begriff. Ab 1944 hieß es in der Hymne der Sowjetunion: „Die unzerbrechliche Union der freien Republiken vereinigte fĂŒr die Ewigkeit die große Rus.“cite-ref-analysen-38-1[38]

Zum anderen hatten die so genannten Eurasier seit den 1920er Jahren im Exil einen unĂŒberwindlichen Gegensatz zwischen der eurasischen Kultur Russlands und der „germano-romanischen“ Kultur Westeuropas imaginiert. Innerhalb Russlands wurden erst in den 1990er Jahren bei der „Neuen Rechten“ diese Ideen zielstrebig den neuen politischen Bedingungen angepasst und nach dem Wegfall und an Stelle der marxistisch-leninistischen Ideologie zu einer neuen imperialistischen, dem Neo-Eurasismus weiterentwickelt.cite-ref-analysen-38-2[38]

Im 21. Jahrhundert

Das ursprĂŒngliche Kulturkonzept Russki Mir („Russische Welt/Gemeinschaft“) dient nun in ideologisierter Form zur Legitimierung des russischen Einflusses im postsowjetischen Raum („Nahes Ausland“). Es postuliert mit RĂŒckgriff auf die Zeiten der Kiewer Rus eine gemeinsame ostslawische IdentitĂ€t („dreieiniges russisches Volk“), worin die russische Sprache und Literatur eine besondere Verbindung herstelle.cite-ref-dekoder-39-0[39] Der belarussische Philosoph und Dichter Ihar Babkou beschrieb das Wesen des Konzepts 2022 hingegen mit folgenden Worten: „Die heutige ‚Russische Welt‘ umfasst Praktiken des brutalen und aggressiven Neoimperialismus, die vor allem gegen die direkten Nachbarstaaten gerichtet sind“, wie sie erst seit „2014/2015 vollstĂ€ndig zum Vorschein gekommen sind“.cite-ref-40[40]

Die geopolitische Konzeption vereint antiwestliche, antiliberale und neoimperiale Strömungen.cite-ref-analysen-38-3[38] Der Begriff wĂ€re im rein russischen VerstĂ€ndnis mit dem Commonwealth vergleichbar, unterscheidet sich aber markant durch die Tatsache, dass die Kirche und die Religion eine wesentliche Rolle spielen.cite-ref-analysen-38-4[38] Die Gegnerschaft der Kirche gegenĂŒber dem Westen wird auch mit dessen angeblicher „Christianophobie“ begrĂŒndet.cite-ref-41[41] Diese radikale Abgrenzung von Europa mĂŒndet im russischen „Sonderweg“.cite-ref-analysen-38-5[38]

Der Sprachgebrauch ist uneinheitlich, neben einem spezifischen, „russischen“ Geschichtsbewusstsein kann der Begriff auch einfach die UnterstĂŒtzung fĂŒr die russische beziehungsweise putinsche Politik bedeuten.cite-ref-analysen-38-6[38]

2006 definierte Wladimir Putin das Konzept und forderte KĂŒnstler auf, den Ausdruck zu verwenden,cite-ref-dekoder-39-1[39] 2007 grĂŒndete er die Stiftung Russki Mir. Russische Sprache und Kultur sollten damit vor allem in den ehemaligen Sowjetstaaten gefördert werden. Die Bewegung entwickelte, beeinflusst vom Panslawismus und mit ihrer GegenĂŒberstellung einer orthodoxen Kraft gegenĂŒber dem Westen, eine eigene konfrontative Dynamik.cite-ref-42[42] Die Ideologie der russisch-orthodoxen Kirche, gefĂŒhrt vom Patriarchat von Moskau und der ganzen Rus, deckt sich mit der staatlichen Politik der russischen Welt, auch sie erhebt ihren Machtanspruch ĂŒber die Grenzen Russlands hinaus. Die russisch-orthodoxe Kirche und der Moskauer Patriarch trĂŒgen eine direkte Verantwortung fĂŒr die expansive Politik Russlands.cite-ref-43[43] Ein Netzwerk im Dienste Russlands propagiert Russki Mir speziell in der Ukraine, in Georgien und in Moldawien, jenen LĂ€ndern, welche die Absicht bekundeten, sich der westlichen Welt anzuschließen; seit 2012 setzte Moskau dafĂŒr schĂ€tzungsweise 130 Millionen Dollar im Jahr ein.cite-ref-44[44] Dass die Suche einer neuen russischen Doktrin zur autoritĂ€ren Rechten fĂŒhren wĂŒrde, war fĂŒr Walter Laqueur klar gewesen, aber das Tempo und wie weit diese Entwicklung gehen wĂŒrden, ĂŒberraschten ihn.cite-ref-45[45]

Dazu kommt das Konzept einer „heiligen Rus“, also der Beanspruchung der Kiewer Rus als Ursprung Russlands.cite-ref-analysen-38-7[38] Nach russischen Vorstellungen ist der Platz der Ukraine in der russischen Welt.cite-ref-46[46] Im Falle der Ukraine spricht eine Mehrheit der Russen den Ukrainern gar ab, eine staatsbildende Kraft zu besitzen, und betrachtet sie als Teil ihrer umfassenden orthodoxen russischen Gemeinschaft Russki Mir.cite-ref-47[47] Der Begriff Russki Mir kommt in der PrĂ€ambel der Verfassung der „Volksrepublik Donezk“ gleich vier Mal vor. Nach dem begonnenen Hybridkrieg gegen die Ukraine fand sich die gesamte Bandbreite imperialer Organisationen von ultra-religiös bis linksradikal hinter dem Begriff vereint.cite-ref-analysen-38-8[38]

Theoretiker des Putinismus

Laut dem französischen Philosophen Michel Eltchaninoff (2015, 2022), der eine Arbeit ĂŒber den Putinismus verfasst hat, habe Putin als politischer Lenker kein Interesse daran, in Russland eine Staatsideologie nach dem Vorbild des Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion zu etablieren. Jedoch könne man in seinen Reden und seinem Handeln verschiedene philosophische EinflĂŒsse ausmachen.cite-ref-48[48] Dabei vermenge Putins Ideologie sehr verschiedenartige philosophische Linien miteinander: die weißgardistischen Traditionen Iwan Iljins (1883–1954), den großrussischen Panslawismus von Nikolai Danilewski (1822–1885), die Ideen der deutschen Konservativen Revolution um Carl Schmitt (1888–1985), Ernst JĂŒnger (1895–1998) und Ernst Niekisch (1889–1967), die eurasischen Theorien von Lew Gumiljow (1912–1992) und Alexander Dugin (* 1962) sowie auch Teile des sowjetischen Denkens. Den gemeinsamen Kern aller dieser ideologischen AnsĂ€tze sieht Eltchaninoff in „der Idee des Imperiums und der Apologie des Krieges“.cite-ref-49[49]

Eltchaninoff bewertet Putins Methode, eine eigene „Geschichtsphilosophie“ zu konstruieren, als „Flickenteppich“. Insbesondere gebe es ein SpannungsverhĂ€ltnis zwischen den Hauptzielen der drei hauptsĂ€chlichen „Vorbilder“ Putins, nĂ€mlich dem Panslawismus, dem Eurasismus und dem antimodernen Konservatismus. Eltchaninoff weist darauf hin, dass Putin zu Beginn der Annexion der Krim 2014 philosophische Schriften an Tausende FunktionĂ€re, Gouverneure und Parteikader in Russland mit einer LektĂŒreempfehlung verteilen ließ. Es habe sich um die BĂŒcher „Unsere Aufgaben“ von Iwan Iljin, „Die Philosophie der Ungleichheit“ von Nikolai Berdjajew und „Die Rechtfertigung des Guten“ von Wladimir Solowjow gehandelt. Solowjow habe sich, wie Putin, als „Retter der christlichen Mythen und Religionen gegen die ProfanitĂ€t des Westens“ verstanden. Berdjajew habe die These vertreten, man könne sich nicht von Vergangenheit, Traditionen und Wurzeln der Geschichte trennen. Die Ideologie Putins bezieht zudem Elemente ein, welche von Philosophen wie Nikolai Danilewski stammen.cite-ref-50[50]

Imperialer Nationalismus nach Iwan Iljin

Iwan Iljin gilt als der „Hausphilosoph“ des Putinismus, der vom PrĂ€sidenten in seinen wichtigsten Reden zitiert wird. Der russische Filmregisseur Nikita Michalkow soll Putin nach 1998 mit dem Werk Iljins vertraut gemacht haben.cite-ref-51[51] Iljin vertritt in seiner Philosophie eine Mischung aus Hegelianismus, Militarismus und imperialem Nationalismus. So spricht er einigen „VolksstĂ€mmen“ die FĂ€higkeit ab, eigene Staaten zu bilden, u. a. den Kroaten, Slowaken, Katalanen, vor allem aber den im historischen russischen Einflussbereich lebenden baltischen, kaukasischen, zentralasiatischen Völkern wie auch den Belarussen und Ukrainern. Diese mĂŒssten daher Iljin zufolge unter der Kontrolle ihrer Nachbarstaaten bzw. unter der „natĂŒrlichen Kontrolle“ Russlands verbleiben. „Der imperialistische Westen werde das falsche Versprechen von Freiheit nutzen, um Russland LĂ€nder wegzunehmen: das Baltikum, den Kaukasus, Zentralasien und vor allem die Ukraine.“cite-ref-52[52] Abspaltungsbestrebungen dieser Völker vom Russischen Reich setzt Iljin ein ultranationalistisches „organisches“ NationsverstĂ€ndnis entgegen. Russland sei ihm zufolge kein „kĂŒnstlich fabrizierter Mechanismus“, sondern ein „historisch gewachsener und kulturell gerechtfertigter Organismus“. Somit sei eine „ZerstĂŒckelung“ dieses russischen nationalen Organismus unmöglich, ohne das dieser dabei leide oder zugrunde geht.cite-ref-53[53]

Die Gedankenwelt Iwan Iljins, eines russischen Philosophen aristokratischer Herkunft und faschistischen AnhĂ€ngers der Slawophilie, beeindrucke Putin am meisten. Iljin habe sich mit der Frage befasst, wie ein postsowjetisches Russland beschaffen sein und welche Eigenschaften ein postkommunistischer FĂŒhrer haben sollte. Er beschĂ€ftigte sich mit Hegel, fĂŒrchtete zugleich das Ideal des Individualismus, beobachtete erschrocken ein Überhandnehmen freiheitlichen Lebensstils und war ĂŒberzeugt, Russland wĂ€re von einer Ausbreitung der „sexuellen Perversion“ bedroht. Angesichts der RadikalitĂ€t der Bolschewiki wurde Iljin zum extremen AnhĂ€nger der „Weißen Armeen“, also der zaristischen MilitĂ€rs, die den Bolschewismus bekĂ€mpfen.

In seinen Schriften im Exil, zunĂ€chst in Deutschland, dann in der Schweiz, beschwor Iljin zwanghaft die „Wiedergeburt“ des „Vaterlandes“. Russland war fĂŒr ihn „Gott, Vaterland und der nationale ĐČĐŸĐ¶ĐŽŃŒâ€œ (woschd, voĆŸdÊč), d. h. FĂŒhrer, (ĂŒbertragen) SouverĂ€n, Zar; der nicht bloß Person, sondern die Verkörperung der staatlichen Macht, der „Einzige“ ist, der auch ĂŒber den morschen Apparaten des Staates steht. Demokratie und Entscheidungen durch Wahlen oder Abstimmungen lehnte er ab. Insbesondere fĂŒr Russland, denn „Demokratie“, „LiberalitĂ€t“ oder „Freiheit“ passten nicht zu Russland und seiner eurasischen IdentitĂ€t. Russland sei eine Zivilisation eigener Art, eine Mischung aus der byzantinischen Kultur, der russisch-orthodoxen Kirche und der mongolisch-asiatischen Lebensart. Die Nation wird als organische Einheit gesehen. In den zwanziger und dreißiger Jahren bewunderte Iljin Hitler und Mussolini sowie die faschistische Idee als „rettendes Übermaß an patriotischer WillkĂŒr“.

1954 im Schweizer Exil verstorben, war Iljin eigentlich lange vergessen, erst seit den 1990er Jahren wird er in Russland nach und nach wieder verlegt. Vladimir Putin entdeckte ihn anlĂ€sslich der testamentarisch gewĂŒnschten Umbettung von Iljins sterblichen Überresten auf den Friedhof des Donskoi-Klosters in Anwesenheit von Patriarch Alexis II. und legte Blumen an seinem Grab nieder.cite-ref-54[54] Putin propagiert seitdem Iljins Ideen und zitiert ihn geradezu obsessiv in seinen Ansprachen.cite-ref-55[55]

Surkow

Der Politiker Wladislaw Surkow bezeichnet sich selbst als einen der Autoren dieses Systems.cite-ref-56[56] Laut Robert Misik benutzte Surkow als langjĂ€hriger Herrscher ĂŒber die staatlichen Medien bis 2013 seine Kenntnis post-moderner französischer Philosophie zynisch, um die Bevölkerung zu manipulieren, zu verwirren und zu lĂ€hmen: Das unverdorbene russische Volk sei vor der â€žĂŒberdosierten“ und damit verderblichen Freiheit des Westens inklusive seiner „sexuellen Perversion“ zu bewahren. Es bedĂŒrfe vielmehr einer „souverĂ€nen“ alias „gelenkten Demokratie“; diese sei eigentlich eine „gute Diktatur“. Ab 2014 galt Surkow als Putins persönlicher Berater fĂŒr den Konflikt in der Ukraine und auch als Erfinder des Vorwurfs eines Genozids an der russischen Ethnie sowie der Idee, „freiwillige“ KĂ€mpfer und „UnabhĂ€ngigkeits“-Marionetten im Donbass zu installieren. 2020 trat er auch von seinem Amt als Ukraine-Beauftragter zurĂŒck; seine heutige Rolle ist völlig im Dunkeln.cite-ref-57[57]

Timofej Sergejzew - Sinowjew Klub

Georgij Schtschedrowizkij war Student bei Alexander Alexandrowitsch Sinowjew und grĂŒndete eine sektenĂ€hnliche Gruppe sogenannter „Methodologen“. Daraus entstammt auch der fĂŒr seinen Aufruf zum Völkermord in der Ukrainecite-ref-58[58]cite-ref-59[59] im April 2022 berĂŒhmt gewordene Politikberater Timofej Sergejzew, der schon 2021 zur Entnazifizierung der Ukraine aufrief. Sergejzew grĂŒndete mit dem Chefpropagandisten Dmitrij Kisseljow den „Sinowjew-Klub“ fĂŒr antiwestliche und antiukrainische Propaganda.cite-ref-sinowjew-60-0[60] Dort wurde beispielsweise vom Duma-Abgeordneten Dmitri Kulikow 2015 das Ende der Demokratie postuliert.cite-ref-61[61] Schtschedrowizkijs Sohn Pjotr hingegen war nach dem Machtantritt Putins fĂŒr die Neuerschaffung des Begriffs der „russischen Welt“ verantwortlich.cite-ref-sinowjew-60-1[60]

Alexander Geljewitsch Dugin

Andreas Umland beschrieb bereits 2004 eine Hinwendung russischer Diskussionen hin zum Publizisten Alexander Dugin. Anders als die Neue Rechte in Europa, deren Versuch die Diskurshoheit zu erlangen wenig erfolgreich verlaufen sei, habe Dugin es vermocht „mittels politischer Mimikry tief in den Diskurs des politischen und akademischen Mainstreams der RusslĂ€ndischen Föderation einzudringen“ und auch in den Medien und Eliten RĂŒckhalt fĂŒr Vorstellungen zu gewinnen, die unter dem Zeichen des Eurasismus Elemente des Faschismus aufwiesen und stark antiwestlich orientiert seien.cite-ref-62[62] Dugin suchte und fand schon in den 1990er Jahren die NĂ€he zur und die Zusammenarbeit mit der russischen Generalstabsakademie – höherrangige Offiziere berieten ihn bei der Verfassung von Texten – und lobte, nachdem er zuvor die Geheimdienste als westfreundlich kritisiert hatte, den kurz zuvor noch von Wladimir Putin geleiteten FSB als „neue Kaste“, mit der Aufgabe die Hegemonie der Amerikaner zu verhindern und wieder einen mĂ€chtigen eurasischen Staat zu schaffen.cite-ref-63[63]

2014 diagnostizierte Umland, dass es zwischen den Vorstellungen Dugins und Putins Überschneidungen gĂ€be, ohne dass sie identisch wĂ€ren. Putin begrĂŒnde den imperialen Herrschaftsanspruch nicht mehr mit den alten Idealen der Sowjetunion, sondern durch eine „eher rechte und offen kulturalistische Ideologie vom angeblich gemeinsamen eurasischen Ursprung und Wertesystem bzw. von einer authentischen eurasischen Zivilisation mit ihren verschiedenen nationalen Variationen“ mit dem Ziel einer Eurasischen Union. Der alte Herrschaftsbereich solle so neu begrĂŒndet werden. Dugin sehe das Ă€hnlich, gehe aber ĂŒber solch restaurative Ansichten noch weit hinaus, sein vorgestelltes Imperium sei in BegrĂŒndung und Konzeption neuartig und erinnere an den Faschismus zwischen den Weltkriegen. Die russische Kultur solle von allem Fremden gereinigt werden und ein neuer Typ eines eurasischen und integrierten Menschen geschaffen werden. Das „Ziel der AnhĂ€nger Dugins ist eine vollstĂ€ndige Umformung Russlands, des eurasischen Kontinents sowie letztlich der gesamten Welt im Sinne der Vorstellungen einer ‚konservativen Revolution‘“. Insofern sei Dugin revolutionĂ€r wo Putin reaktionĂ€r bleibe. Dugin injiziere seine Ideologie allerdings Ă€ußerst geschickt in Gesellschaft, Eliten und Diskurse: Er verstehe sich dabei nicht als politischer FĂŒhrer, sondern als Ideengeber, dessen Vorstellungen gefolgt wĂŒrde, weil sie inzwischen in der Öffentlichkeit hegemonial seien. Putin und Dugin seien mindestens „taktische VerbĂŒndete“, die Wiedererlangung des alten Reiches sei auch der erste Schritt bei Errichtung des neuen. Dugins Organisationen spielten eine wichtige Rolle im System Putins, dass er ins Moskauer Establishment vordrang und sich halten könne deute darauf hin, dass er zumindest aus dem Umfeld Putins wohlwollende UnterstĂŒtzung erhalte. Trotz eher spĂ€rlicher akademischer Leistungen habe man Dugin zum Professor an der weitrespektierten Lomonossow-UniversitĂ€t gemacht. Dugin erfĂŒlle dazu einen besonderen Zweck fĂŒr Putin: Gerade der Extremismus duginscher Vorstellungen erlaube es Putin, noch als gemĂ€ĂŸigt zu erscheinen. Allerdings sah Umland in dieser Strategie auch fĂŒr Putin ein Risiko, nĂ€mlich das, die gerufenen Geister womöglich nicht mehr loswerden zu können.cite-ref-64[64] Das einflussreiche und der PrĂ€sidialverwaltung direkt unterstellte Russische Institut fĂŒr Strategische Studien unter Leonid Reschetnikow, das eine Rolle in der ideologischen BegrĂŒndung russischer Politik spielt, arbeitete mit Dugin eng zusammen.cite-ref-65[65]

2022 nach dem Beginn des Überfalls auf die Ukraine bezeichnete Micha Brumlik Dugin als den „Philosoph[en] hinter Putin“. Es sei „höchste Zeit, Wladimir Putin als einen RevolutionĂ€r im Geiste des rechtsextremen Dugin zu begreifen“. Dugin habe 2014 ĂŒber Putin, mit dem er durchaus auch Auseinandersetzungen wegen dessen nach Dugins Meinung zu großer LiberalitĂ€t hatte, ausgesagt, dass dieser letztendlich zu einer Politik gegen den Westen zurĂŒckkehren werde. Damit habe Dugin recht behalten.cite-ref-66[66] Nach Volker Weiß ist zwar unklar, inwiefern Dugins „nationalreligiöses Programm in der StaatsfĂŒhrung tatsĂ€chlich Gehör findet. Zu sehr von dieser Mischung scheint sich das Denken dort aber nicht zu unterscheiden, das Russlands FĂŒhrung zum Angriff trieb.“cite-ref-67[67] Jason Stanley sieht Dugins Beitrag zum Putinismus weniger in direktem politischen Einfluss als darin, dass er Putins geopolitische Ziele und Vorstellungen nachvollziehbar formuliert habe. Beiden gemeinsam sei eine unbedingte Ablehnung des westlichen, kosmopolitischen, Liberalismus. Dugin habe zu dem beigetragen was nun die dominante Ideologie des Kremls sei.cite-ref-2-68-0[68]

Leonid Luks stimmt dem zu. Dugins pseudowissenschaftliches Kreisen um Geopolitik sei letztlich auf ein eurasisches Großreich und danach - nach Dugins eigenen Worten - final auf den russischen Kampf um die Weltherrschaft gerichtet. Die Entfernung einer unabhĂ€ngigen Ukraine als Hindernis sei laut Dugin die unbedingte Voraussetzung dafĂŒr. Bereits 1997 hatte Dugin in seinem Buch Die Grundlagen der Geopolitik ein Ende ihrer Eigenstaatlichkeit gefordert. Putins gelenkte Demokratie habe die Propagierung dieser Vorstellungen erleichtert, dennoch seien sie lange nicht durchgedrungen und Putin sei 2014 entgegen Dugins WĂŒnschen, der die Eroberung Neurusslands forderte, noch vor einem Großkonflikt mit dem Westen zurĂŒckgeschreckt. 2022 jedoch habe sich Putins Kriegspolitik dann tatsĂ€chlich dem angenĂ€hert, was Dugin seit jeher schon fordert. Putin und Dugin seien sich allerdings auch darin Ă€hnlich, den Kampfeswillen der Ukrainer, die westliche Reaktion und vor allem die USA vollkommen unterschĂ€tzt zu haben. Der Gedanke, eine Allianz unzufriedener Staaten in einen Kampf gegen die amerikanische Hegemonie fĂŒhren zu können, habe sich als Illusion erwiesen.cite-ref-69[69]

Dugin selbst reagierte auf die Invasion der Ukraine und Putins VerkĂŒndung, dass die „unipolare Weltordnung“ der USA nun beendet sei, triumphierend: Putin habe sich zu einer „Revolution von oben“ entschlossen, die alten „Eliten“ Russlands seien erledigt, nun regierten die Eliten Neurusslands, die in eine volle Konfrontation mit dem Westen gingen, die Ukraine bombardierten und asiatische und afrikanische Partner jenseits des Westens suchten. Liberalismus werde demnĂ€chst strafbar sein, SĂ€uberungen stĂŒnden an. Alles geschehe wie von den Eurasiern vorgestellt. Putin sei ein Mann, der seine Absichten gekonnt verschleiere, aber handele.cite-ref-70[70]

GebrĂŒder Kowaltschuk

Nach einer im Jahr 2022 geĂ€ußerten EinschĂ€tzung eines russischen Politikwissenschaftlers existiert eine „Handvoll“ GeschĂ€ftsleute, die so eng mit Wladimir Putin vertraut sind (u. a. weil sie mit Putin eine „bestimmte Weltsicht“ und „Vorstellungen von der Zukunft“ teilen), dass sie bei Putin wichtige politische Entscheidungen anstoßen können, die anderen Oligarchen nicht vorbehalten sind. Zu der „Handvoll“ GeschĂ€ftsleute gehörten die GebrĂŒder Michail und Juri Kowaltschuk.cite-ref-71[71]

EinschÀtzung des Putinismus und seine mögliche Charakterisierung als faschistisch

Der deutsche Osteuropa-Historiker Erwin OberlĂ€nder bezeichnet Putins Russland fĂŒr das Jahr 2017 als eine „nationalkonservative Diktatur“, die mit dem Begriff „gelenkte Demokratie“ nur „schöngeredet“ werde.cite-ref-72[72] Stefan Plaggenborg sah bereits 2014 nach der Annexion der Krim Analogien zum Aufkommen des italienischen Faschismus.cite-ref-73[73]

Der Politologe Taras Kuzio (2022) argumentiert, dass Putin sein System hin zum Faschismus wende. 2020 habe er sich durch VerfassungsĂ€nderung in einem unfreien Referendum die Möglichkeit gegeben bis 2036 an der Macht zu bleiben, freie Medien seien dem folgend unterdrĂŒckt und gemeinsam mit der Opposition zerschlagen worden, damit sei die Schwelle zur Diktatur ĂŒberschritten. Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine seien dazu Militarismus und Nationalismus nochmal gesteigert worden, Ukrainer wĂŒrden in der Propaganda dehumanisiert, jeder Gedanke an eine ukrainische IdentitĂ€t werde delegitimiert, auf Völkermord gerichtete Drohungen wĂŒrden ausgestoßen und ein Vernichtungskrieg sei begonnen worden. Ähnlich wie Hitler wolle Putin revanchistisch eine als ungerecht betrachtete internationale Ordnung umwerfen. Damit habe Russland sich klassischen Merkmalen des Faschismus angenĂ€hert.cite-ref-74[74] Auch Osteuropahistoriker und Holocaustforscher Timothy Snyder (2022) hĂ€lt das System Putins mittlerweile fĂŒr faschistisch: Einparteienherrschaft, verschwörungstheoretisches Freund-Feind-Denken und die versuchte Auslöschung der Ukraine als Staat mit eigenen Traditionen bis hin zu genozidalen Handlungen wie Deportationen von Kindern nach Russland seien deutliche Indikatoren dafĂŒr.cite-ref-0-75-0[75]cite-ref-1-76-0[76] Alexander Motyl sieht das System Russlands gleichfalls als faschistisch an. Faschistische Staaten unterschieden sich von anderen autoritĂ€ren oder totalitĂ€ren Systemen dadurch, dass sie von einem charismatischen Personenkult geprĂ€gt seien, was fĂŒr Putins Russland zutreffe,- auch wenn der erkennbar alternde Putin Schwierigkeiten habe das hypermaskuline Bild aufrechtzuerhalten.cite-ref-77[77]cite-ref-78[78] Der Philosoph und Faschismusforscher Jason Stanley bejaht die Charakterisierung des Putinismus als faschistisch, da Putin starke Anleihen beim faschistischen Denken Alexander Dugins genommen habe und dieses nun die dominante Ideologie des Kreml sei.cite-ref-2-68-1[68]

Der russische Ökonom und Soziologe Wladislaw Inosemzew sieht in Putin einen Faschisten im klassischen Sinne. Da er nicht rassistisch argumentiere, sondern kulturalistisch, sei er nicht mit Adolf Hitler zu vergleichen, sondern mit Benito Mussolini. Ausgehend von der Faschismusdefinition nach Robert Paxton macht Inosemzew bei Putin eine besessene BeschĂ€ftigung mit einer als demĂŒtigend erfahrenen Geschichte und ein BĂŒndnis von aggressiven Nationalisten mit alten Eliten aus, verbunden mit (einst von Umberto Eco fĂŒr den Faschismus entwickelten) Merkmalen wie des Kultes der Tradition bei gleichzeitigem Verschwörungsdenken und Brandmarkung von Abweichung als Verrat. Vier SĂ€ulen des Systems seien auszumachen: Das Ziel alle identifizierten Russen in einem einzigen Staat zu vereinen und diesen zu militarisieren, das Fortschreiten der beherrschenden Rolle des Staates in der Wirtschaft hin zu korporativen Strukturen (was an Vorstellungen Giovanni Gentiles erinnere), die Reorganisation der Staatsverwaltung zu „Vollstreckungsbehörden“ wie StreitkrĂ€ften, Nationalgarde, weiteren paramilitĂ€rischen Organisationen wie Privatarmeen oder „ethnischen Garden“ wie den Soldaten Ramsan Kadyrows und den Geheimdiensten, die allesamt von Vertrauten Putins geleitet und in der Verfassung teilweise nicht mal erwĂ€hnt wĂŒrden und viertens die Staatspropaganda mitsamt Festschreibung politischer und historischer Narrative.cite-ref-79[79]

Die beiden vergleichenden Faschismusforscher Roger Griffin und Stanley Payne (2022) hingegen lehnen auch im Kontext des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 eine Einordnung Putins als „Faschisten“ ab, da seine Ideologie nicht revolutionĂ€r, sondern reaktionĂ€r ausgerichtet sei. Zwar hĂ€lt Payne fest, dass Putins Regime das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges „nĂ€chstliegende Analogon zum Faschismus in einem großen Land“ darstellen wĂŒrde. Dem Vergleich mit Mussolini und Hitler hĂ€lt Payne dennoch entgegen, dass Putin „als Apparatschik aufgewachsen“ und somit „ein Produkt des russischen Staates“ sei, der keine „dynamische und charismatische Bewegung im faschistischen Stil“ aufgebaut habe. Payne konstatiert, Putins politisches System sei „eher eine Wiederbelebung des Glaubensbekenntnisses von Zar Nikolaus I. im 19. Jahrhundert, der Orthodoxie, Autokratie und NationalitĂ€t betonte, als eines, das den revolutionĂ€ren, modernisierenden Regimen von Hitler und Mussolini“ Ă€hnelt. Roger Griffin hĂ€lt an einer Betrachtungsweise des Putin-Regimes als illiberale Demokratie fest und sieht Russland stattdessen ideologisch in einer Reihe mit Narendra Modis Indien. Man könne jedoch laut Griffin auch einen Vergleich zum ultranationalistischen Regime Japans wĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges ziehen, das ebenfalls einige Elemente des Faschismus ĂŒbernahm, ohne aber selbst zu einem authentisch faschistischen Regime zu werden. Anders als beim revolutionĂ€ren Ultranationalismus der Faschisten, wĂŒrden diese StaatsfĂŒhrer nicht versuchen, das bisherige System zu zerstören, sondern es stattdessen aushöhlen und in ihrem Sinne benutzen.cite-ref-80[80]

Der französische Philosoph Michel Eltchaninoff (2022) sieht in seinem Buch zum Putinismus dessen VerhĂ€ltnis zum Faschismus kritisch. Er folgt dem Urteil des russischen Historikers Nikolai Mitrochin, demzufolge die Philosophie Iwan Iljins fĂŒr das Putin-Regime die „russische Alternative zum Faschismus“ darstelle. So sei Iljin von seiner kurzzeitigen Bewunderung fĂŒr Mussolini und Hitler zwar wieder abgerĂŒckt, habe aber anschließend in Salazars Portugal und Francos Spanien seine Vorbilder gesehen. Damit liefere er dem Putinismus eine Möglichkeit, „den Faschismus zu umgehen und doch ganz eng mit ihm zu verkehren“.cite-ref-81[81] Jedenfalls stelle sich im Kontext von Putins Diskurs, so Eltchaninoff weiter, erneut die Frage nach den noch wenig erforschten Verbindungen zwischen einem Teil der weißgardistischen Emigration, dem Faschismus und dem Nationalsozialismus.cite-ref-82[82]

Der Journalist Michael Thumann erklĂ€rt in der Morgenkolumne von Zeit Online am 10. Juni 2022, weshalb er den Putinismus nicht fĂŒr Faschismus hĂ€lt: Zwar gebe es, wie Snyder ausfĂŒhrt, durchaus Analogien, doch sei dessen Argumentation unscharf und sein Faschismusbegriff ĂŒberdehnt. Thumanns Moskauer Beobachtungen stimmten damit nicht ĂŒberein. Er habe da „noch keine quasi staatlichen Milizen“ wie SA oder „Fasci di Combattimento“ gesehen, die die Menschen terrorisierten. Auch fehle dem Putinismus eine klare Ideologie. Putins dĂŒrftige GeschichtsaufsĂ€tze seien ein „abgeschriebenes Sammelsurium von Halb- und Unwahrheiten.“ Er sei „ein »neuer Nationalist«, der sich seinen Nationalismus je nach Lage und OpportunitĂ€t zusammenmixt“. Es gebe keinen naziartigen Totenkult; vielmehr werden die Gefallenen im Ukraine-Krieg „nicht geehrt und gefeiert, sondern versteckt und vergraben.“ Putin â€žĂŒberhöht den Krieg nicht als das Ziel menschlichen Daseins“, sondern verpackt seinen Angriffskrieg als Operation und scheut bisher die Generalmobilmachung. Das „passt auf ein verwandtes System: die Gewaltherrschaft eines Mannes. Eine Diktatur“ nach dem Vorbild seiner russischen ultraautoritĂ€ren VorgĂ€nger.cite-ref-83[83]

Ulrich Herbert lehnt eine Charakterisierung des Systems Putins als faschistisch gleichfalls ab, dazu fehle es an einer tragenden Massenbewegung. Vergleiche mit Hitler seien disproportional, es sei falsch jede brutale Rechtsdiktatur als faschistisch zu bewerten.cite-ref-84[84] Andreas Buller wiederum wendet sich dem Studium der Moral und Sprache des Putinismus zu, dessen moralische UrsprĂŒnge er sowohl in der Ethik des Bolschewismus als auch in der Ideologie des Nationalsozialismus findet.cite-ref-85[85]

Siehe auch
Literatur

‱ Marlene Laruelle: Ideology and Meaning-Making under the Putin Regime. Stanford University Press, Stanford 2025, ISBN 978-1-5036-4159-4, doi:10.1515/9781503641600.
‱ Mikhail Suslov: Putinism: Post-Soviet Russian Regime Ideology. Routledge, London 2024, ISBN 978-1-032-15388-9.
‱ StĂ©phane Courtois, Galia Ackerman (Hrsg.): Schwarzbuch Putin. Piper, MĂŒnchen 2023, ISBN 978-3-492-07098-0.
‱ Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf: Logik und WillkĂŒr eines Autokraten. Aktualisierte Neuausgabe, Tropen Sachbuch, Stuttgart 2022 [französische Originalausgabe 2015], ISBN 978-3-608-50182-7.
‱ Timothy Snyder: Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika. Beck, MĂŒnchen 2018, ISBN 978-3-406-72501-2 (Rezension).
‱ Brian Taylor: The Code of Putinism. Oxford University Press, New York 2018, ISBN 978-0-19-086731-7.
‱ Walter Laqueur: Putinismus: Wohin treibt Russland? (Originaltitel: Putinism, Russia and Its Future with the West, 2015, ĂŒbersetzt von Klaus-Dieter Schmidt). PropylĂ€en, Berlin 2015, ISBN 978-3-549-07461-9.

‱ Erweiterte Neuauflage: PropylĂ€en, Berlin 2022, ISBN 978-3-549-10057-8.

‱ Ronald J. Hill, Ottorino Cappelli (Hrsg.): Putin and Putinism. Routledge, Abingdon (Oxfordshire) 2013.
‱ Marcel H. Van Herpen: Putinism: The slow rise of a radical right regime in Russia. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2013.
‱ Richard Sakwa: The Crisis of Russian Democracy. The Dual State, Factionalism and the Medvedev Succession. Cambridge University Press, Cambridge 2011.
‱ Richard Sakwa: Russian Politics and Society. Routledge, London / New York 2008.
‱ Hannes Adomeit: Ukraine und Russland. Russische Außen- und Sicherheitspolitik unter Putin. In: Erich Reiter (Hrsg.): Krisengebiete in Europa, Forschungen zur Sicherheitspolitik, Band 5, Mittler, Hamburg 2001, ISBN 3-8132-0782-X (Online, Bundesministerium fĂŒr Landesverteidigung, Österreich, PDF, 27 S.), S. 133–160.

Weblinks

Commons

: Putinismus

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

‱ Alexander Etkind: Gastkommentar zum Putinismus: Eine prĂ€ventive Konterrevolution. Neue ZĂŒrcher Zeitung. 2. April 2014
‱ Richard Herzinger: Feuerkopf LĂ©vy stellt Putinismus an den Pranger. Die Welt. 17. Mai 2014
‱ Wladimir Pastuchow: Gastkommentar: Die Blumen des postsowjetischen Bösen – Putins Herrschaft beruht auf den ideologischen Zersetzungsprodukten der wilden neunziger Jahre. Russland braucht einen Exorzismus. Neue ZĂŒrcher Zeitung. 10. April 2022

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Waleri Fjodorow, Julija Baskakowa et al.: ""ĐŸŃƒŃ‚ĐžĐœĐžĐ·ĐŒ" ĐșаĐș ŃĐŸŃ†ĐžĐ°Đ»ŃŒĐœŃ‹Đč Ń„Đ”ĐœĐŸĐŒĐ”Đœ Đž Đ”ĐłĐŸ раĐșурсы" [= „Putinismus“ als soziales PhĂ€nomen und seine Aspekte]. In: Waleri Fjodorow (Hg.): Đ’Ń‹Đ±ĐŸŃ€Ń‹ ĐœĐ° Ń„ĐŸĐœĐ” ĐšŃ€Ń‹ĐŒĐ°: ŃĐ»Đ”ĐșŃ‚ĐŸŃ€Đ°Đ»ŃŒĐœŃ‹Đč цоĐșĐ» 2016-2018 гг. Đž пДрспДĐșтоĐČы ĐżĐŸĐ»ĐžŃ‚ĐžŃ‡Đ”ŃĐșĐŸĐłĐŸ Ń‚Ń€Đ°ĐœĐ·ĐžŃ‚Đ° [= Wahlen vor dem Hintergrund der Krim: Der Wahlzyklus 2016–2018 und Perspektiven des politischen Übergangs]. ВЩИОМ, Moskau 2018, ISBN 978-5-04-152324-4, S. 587–602.
cite-note-22. ↑ Andrei Piontkowski: ĐŸŃƒŃ‚ĐžĐœĐžĐ·ĐŒ ĐșаĐș ĐČысшая Đž заĐșĐ»ŃŽŃ‡ĐžŃ‚Đ”Đ»ŃŒĐœĐ°Ń стаЮоя Đ±Đ°ĐœĐŽĐžŃ‚ŃĐșĐŸĐłĐŸ ĐșĐ°ĐżĐžŃ‚Đ°Đ»ĐžĐ·ĐŒĐ° ĐČ Đ ĐŸŃŃĐžĐž (= Putinismus als das höchste und letzte Stadium des RĂ€uber-Kapitalismus in Russland). Sowetskaja Rossija, 11. Januar 2000.
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cite-note-8383. ↑ Michael Thumann: Ideologisch flexibel. 10. Juni 2022, abgerufen am 12. Juni 2022.
cite-note-8484. ↑ Stefan Reinecke: Historiker ĂŒber Putins Ukraine-Krieg: „Mit Hitler hat das nichts zu tun“. In: Die Tageszeitung: taz. 1. Juli 2022, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 2. April 2023]).
cite-note-8585. ↑ Andreas Buller: Morality and Language of Totalitarianism Moral Basics of Putinism. Zeitdiagnosen 69. LIT Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-643-91447-7.